Akzeptanz des Gutachterverfahrens seitens der Therapieschulen


In einer -aus empirischer Sicht- bislang beispielhaft umfangreichen Studie untersuchte Köhlke die Akzeptanz des Gutachterverfahrens innerhalb der drei therapeutischen Richtlinienverfahren.

Das Ergebnis der Befragungen Köhlkes erbrachte ein recht unterschiedliches Meinungsbild.

So sind 88 % der repräsentativ befragten Verhaltenstherapeuten der Meinung, dass sie mit dem Gutachterverfahren in der jetzigen Form nicht zufrieden sind- gegenüber nur 65 % unzufriedenen Psychoanalytikern und 75 % Tiefenpsychologen.

23 %  der Psychoanalytiker stimmten der Aussage „Ich bin zufrieden mit der jetzigen Form des Gutachterverfahrens“ zu, während nur 4 % der Verhaltenstherapeuten und 9 % der Tiefenpsychologen dieser Meinung folgten. Dass die Psychoanalytiker dem Gutachterverfahren am positivsten zugewandt sind, steht vermutlich im  Zusammenhang mit dem höheren analytischen Stundenkontingent und der damit einhergehenden geringeren Antragshäufigkeit psychoanalytischer Therapien.

Ebenso verneinen die befragten Psychoanalytiker mit 23 % -gegenüber allen anderen Gruppen -am häufigsten die Aussage, dass "das Gutachterverfahren nur primär Formulierungsgeschick und nicht Therapiequalität erfasse.“

 

Gutachterverfahren

(Quelle: Köhlke, 2000)

 "Das Gutachterverfahren erfasst primär Formulierungsgeschick, nicht Therapiequalität "

„Den Begründungszwang brauche ich zur Selbstkontrolle“ -
Mit dieser -wenngleich von Köhlke eher negativ-manipulativ formulierten- Fragestellung wurde der pädagogische Lern- und Reflexionseffekt, der sich durch die Erstellung einer gutachterlichen Fallkonzeption im Sinne der inneren Qualitätssicherung ergeben sollte, evaluiert.

Mit einem Anteil von 46 % stimmten Psychoanalytiker am häufigsten dieser Aussage zu. Zwischen den Gruppen zeigten sich unterdessen signifikante Unterschiede: Verhaltenstherapeuten lehnten die Hypothese der Selbstreflexion signifikant stärker ab, als alle anderen Therapiefachrichtungen.
Diese Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass psychodynamische Therapeuten, allen voran Psychoanalytiker, den Bericht an den Gutachter im höchsten Maße als hilfreiches Instrument der Selbstkontrolle und differenzierten Fallreflexion sehen.
Warum ist das so? Hypothetisch korrespondiert ein erhöhtes Interesse an Reflexion und Selbstkontrolle auf Seiten der Psychoanalytiker vermutlich mit der spezifisch längeren Ausbildungsstruktur im Vergleich zu anderen Therapieverfahren: Denn Psychoanalytiker absolvieren innerhalb ihrer Ausbildung von allen Therapierichtungen den höchsten Anteil an Einzelselbsterfahrung. Möglicherweise spiegelt sich diese Einstellung in den o.g. Befunden wider.

Zwischen Psychoanalytikern und Verhaltenstherapeuten bestehen diese Unterschiede auch hinsichtlich des Erlebens „Bericht als Qual“ sowie „Schwierigkeiten bei der Verschriftsprachlichung komplexer Zusammenhänge“. So hält Köhlke fest:

„Verhaltenstherapeuten stimmen der Aussage, 'Antragsschreiben zu erstellen, ist für mich eher ein Qual' signifikant häufiger zu als Psychoanalytiker.“ (Köhlke 2000, S. 85)

Zudem haben Verhaltenstherapeuten signifikant höhere Schwierigkeiten damit, „komplexe Zusammenhänge eines Falls in begrenzter Schriftform auszudrücken“ als Psychoanalytiker.

Anhand dieser Differenzierung wird deutlich, dass die Frage des Umgangs und möglicherweise auch die Frage des Nutzens des Gutachterverfahrens, nicht gänzlich losgelöst von den Unterschieden der Therapieverfahren diskutiert werden kann.

Literatur:
Köhlke, H.-U. (2000). Das Gutachterverfahren in der Vertragspsychotherapie. Eine Praxisstudie zu Zweckmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit. Tübingen.